Olympus-Skandal durch unüberbrückbare kulturelle Differenzen?

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Barbarus hic ego sum, quia non intellegor ulli¹

“Herr Woodfords Managementstil war nicht vereinbar mit traditionell japanischen Geschäftsmethoden”
— Shuichi TAKAYAMA, neuer Olympus-CEO

“Wir haben gehofft er (Michael Woodford) könnte Dinge bewerkstelligen die für einen japanischen Geschäftsführer schwierig wären, aber er war nicht in der Lage zu verstehen, dass wir den Führungsstil den wir seit der Unternehmensgründung vor 92 Jahren aufgebaut haben, sowie die japanische Kultur reflektieren müssen.”
 Tsuyoshi KIKUKAWA, Ex-Vorstandvorsitzender, bei einer Pressekonferenz

So und so ähnlich schallt es aus der Führungsetage des japanischen Optik- und Fotounternehmens Olympus. Der eigentlich Skandal wird seit zwei Wochen öffentlich diskutiert, analysiert, kritisiert und die eigentliche Enthüllung wird, neben Woodford selbst, der unabhängigen japanischen Zeitung FACTA zugeschrieben.

Obige Zitate werfen gleich mehrere Fragen auf (und ziehen noch einen ganzen Rattenschwanz hinterher):

  1. Welchen Managementstil verfolgte Woodford?
  2. Was sind traditionelle, japanische Geschäftsmethoden?

Welchen Managementstil verfolgte Woodford?

Ich kann sehr starrsinning, großmäulig, dickköpfig und direkt sein.
— Michael Woodford

Für jeden der Woodford noch nicht persönlich begegnet ist, ist das eine schwierige, ja kaum zu beantwortende Frage. Trotzdem lassen sich viele Medien nicht davon abhalten seinen Managementstil zu kommentieren. Als zuverlässige Quellen für solche Dinge, die aber leider in den deutschen Medien kaum Beachtung finden, haben sich Auslandshandelskammern erwiesen. So gab Woodford kurz nach Übernahme des CEO-Postens der britischen Auslandshandelskammer (BCCJ) ein Interview, in welchem er direkt die kulturelle Differenzen und auch seinen Führungsstil anspricht.

Ich kann sehr starrsinning, großmäulig, dickköpfig und direkt sein. Das sind Eigenschaften die möglicherweise entschuldigt werden weil “so sind diese Ausländer halt.” Aber in Japan benimmt man sich nun einmal nicht so während man in einem Unternehmen aufsteigt; Man zeigt Ehrerbietung und Demut.

Der trotz 51 Jahren jugendlich aussehende Woodford ist also durchaus selbstkritisch und ihm ist auch bewusst, dass sein “lautes Mundwerk” nicht so recht zu der viel zitierten eher zurückhaltenden japanischen Mentalität passt. Richtig ist dass solche Eigenschaften in Japan tatsächlich nicht auf den Charakter des Individuums projeziert, sondern der Nationalität zugeschrieben werden.

Überhaupt lesen sich die Einträge zu Woodford auf der Website der BCCJ wie apokalyptische Vorboten zum aktuellen Olympus-Eklat. Ein Auszug aus einem Artikel der kurz nach dem großen Beben vom 11. März erschien:

Als der neuste ausländische Geschäftsführer einer globalen japanischen Firma, nimmt Woodford das Ruder in die Hand. [...] Der direkte Kommunikationsstil des aus Liverpool stammenden Woodford steht im krassen Gegensatz zum modus operadi eines typischen japanischen CEO, es wird also interessant werden.

Und interessant ist es ja bekanntlich geworden. Eines der aufschlussreichsten Fundstücke dürfte das oben erwähnte Interview der BCCJ mit Woodford kurz nach dessen Amtsantritt sein.


Was sind traditionell japanische Geschäftsmethoden?

Im erwähnten Interview darauf angesprochen, dass er glaube kulturelle Unterschiede im Geschäftsleben seinen überbewertet, antwortet Woodford:

[...] Unternehmenskultur sind im Geschäftskontext stärker als nationale Kulturen. Im persönlichen Leben und auf Grundlage von Werturteilen und persönlicher Kriterien gibt es kulturelle Unterschiede und Sprache macht dabei einen großen Teil dieser Unterschiede aus. Im Hinblick auf ein funktionierendes Unternehmen werden kulturelle Unterschiede aber als Ausrede benutzt, nämlich ‘Wir können das wegen der kulturellen Unterschiede nicht machen’

Auch in den Führungsetagen global agierender japanischer Unternehmen finden sich fast ausschließlich konservative Herren älteren Jahrgangs.
— Michael Woodford

Richtig ist, dass japanische Unternehmen oft davor zurückschrecken unbequeme Reformen, wie zum Beispiel die Freisetzung von Personal in großem Umfang, durchzuführen. Dabei hört man auch nicht selten das von Woodford erwähnte Totschlagargument der “einzigartigen japanischen Kultur” wegen welcher solche Reform quasi undurchführbar seien. Hier versteckt sich sodann auch eine der beschworenen japanischen Geschäftsmethoden.  In den Führungsetagen global agierender japanischer Unternehmen finden sich fast ausschließlich konservative Herren älteren Jahrgangs die sich, zumindest nach aussen, eher gegenüber ihren Angestellten verpflichtet geben. Notwendige Umwälzungen, insbesondere im Personalbereich, können hier gar nicht oder nur sehr langsam stattfinden, weshalb manch ein Japaner den ausländischen Strohmann-CEO verpflichtet um eben jene unbequemen Reformen durchzuführen. Der Verdacht liegt nahe, dass auch Woodford eine solche Rolle übernehmen sollte während der Aufsichtsrat unter Führung von Kikukawa im Hintergrund die Strippen der Marionette Michael C. Woodford bedient.

Der Grund für das Jobangebot war, dass wir in finanziellen Schwierigkeiten steckten.
— Howard Stringer

Auch Howard Stringer, Chef des Elektronikriesen Sony, wurde in die Spitze seines Unternehmens berufen um drastische Stellenstreichungen durchzuführen um Sony gegen Apple, Microsoft und die Konkurrenz aus Taiwan und Süd-Korea in Stellung zu bringen. Bei seinem Amtsantritt sagte Stringer, ähnlich prophetisch wie vor 6 Monaten noch Michael Woodford:

“Ich habe mir über eine Woche lang durch den Kopf gehen lassen ob ich den Job (als CEO von Sony) annehme weil ich wusste das der Grund für das Jobangebot war, dass wir (Sony) in finanziellen Schwierigkeiten steckten”

Stringer hat seit seinem Amtsantritt 16.000 Stellen gestrichen.

¹ Ein Barbar bin ich hier, weil ich von niemandem verstanden werde

UPDATE 1:

Der Post ist zwar nun schon einige Monate alt aber das Thema hat nichts an Aktualität eingebüßt. Mittlerweile ist auch Craig Naylor als CEO von Nippon Sheet Glass zurückgetreten. Namenhafte Medien wie die FAZ sind dem Mythos des “einzigartigen und für Ausländer nicht zu verstehenden” Japan aufgessenen und berichteten aufgeregt über den Rücktritt Woodfords.

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